"SCHNEE VON GESTERN?" (since 2017)

[Scherenschnitt, Stickerei, Malerei \ silhouette cutting, stitching, painting]

Aufgewachsen im bayrischen Voralpenland hatte ich 19 Jahre die Alpen im Blick.
Nachdem ich selber gerne in den Bergen wandere und ich mich selbst bei einer
2-wöchigen Extremwanderung am Mount Everest auf über 5400 m nicht dem
Massentourismus entziehen konnte, beschäftigt mich seitdem die Anziehungskraft
von Superlativen in der Bergwelt. Schon 2011 & 2012 habe ich in Kitzbühel und in
Sotschi die Skitourismusströme untersucht und daraus eine Arbeit entwickelt.

Im Skigebiet Krasnaja Poljana, nahe Sotschi, habe ich den Schweizer
Schneeexperten Hansueli Rhyner aus St. Anton kennengelernt,
der die Russen auf die Winterolympiade von 2014 vorbereiten sollte -
in Sachen Schnee und Kunstschneeproduktion. Die Schweiz scheint eine
Vorreiterrolle in der Kunstschneeindustrie inne zu haben und ich möchte
erforschen, wie die Bergregionen der Alpen dazu stehen und sich zukünftig
positionieren werden.
Die Berge sind in vielerlei Hinsicht vom Menschen gestaltete und domestizierte
Natur. Liftanlagen, Seilbahnen, Schneekanonen und künstlich angelegte
Speicherseen, all diese zivilisatorischen Erschließungen prägen das Erscheinungs-
bild der Alpen.
Zwei Strömungen des Skitourismus lassen sich dieser Tage beobachten: Die einen
Skitourismusregionen der Alpen setzen auf den sanften & umweltschonenderen
Tourismus (wie die 28 Gemeinden des “Alpa in Perls” oder wie das kleine Skigebiet
Unterberg, das mit reinem Naturschnee wirbt), die anderen Wintersportorte
setzen auf Schneekanonen und versuchen sich gegenseitig mit gigantischen
Inszenierungen zu überbieten. Doch die Schneekanonen sind enorme Strom –
und Wasserfresser und ein erheblicher Eingriff in unser Ökosystem- vor allem,
wenn extra dafür Speicherseen ausgehoben werden müssen.


FAKTEN & ZAHLEN:
_ Dezemer 2015: der mildeste Wintermonat seit ca 130 Jahren. Auch der Januar
2016 stellte einen weltweiten Wärmerekord auf -
er war der wärmste seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1880.
_ Abnahme des Schneefalls: 2035 um 40%, Ende des Jahrunderts: um 80%
_ 1. Einsatz von Schneekanonen: 1950 in den USA
_ Österreichweit – so vorsichtige Schätzungen – dürften es an die 20 000
Schneekanonen sein, die jeden Winter zum Einsatz
kommen. 38 000 Schneekanonen in dem gesamten Alpenraum (zum Vergleich
2007: 3100 Schneekanonen in Österreich)
_ 1 Ha Skipiste mit 30 cm Schnee benötigt ca 1,5 Mio Liter Wasser (20000 kWh
Strom, zum Vergleich: ein 4 Personen-Haushalt
verbraucht im Jahr 1/4 dieser Menge).
_ Speicherteiche/Seen: 420 gibt es allein in Österreich
_ Österreich gibt im Winter 154 Millionen Euro für Kunstschnee aus
_ Fläche der Skipisten, die für die Beschneiung mit Schneekanonen ausgerüstet
sind:
BAYERN: 17%, SCHWEIZ: ca 40%, ÖSTERREICH: ca 70%, SÜDTIROL: mehr als 90%
_ Eine Schneelanze kostet rund 4.000 bis 5.000 Euro. Eine Schneekanone kostet
rund 27.000 Euro.
_ Snowfarming: Schnee von Gestern ist Schnee von Morgen: Überdecken des
Restschnees am Ende des Winters mit weißem Flies
_ Neueste Forschung: statt auf Schnee fahren wir zukünftig auf einer Gleitschicht
aus nachwachsender Biomasse, dem BIOGLIZZ?


Die Scherenschnitte sind ein Aus/Rückblick auf zwei bayerische Skigebiete, die für
den Klimawandel bezeichnend sind:
die Zugspitze als höchster Berg einerseits und als letzter “Lichtblick” für die
kommenden Generationen (bis Ende des Jahrhunderts ist womöglich die
Zugspitze der einzige “Schneeüberlebende” auf deutschem Boden) und das
Brauneck als kleines Skigebiet andererseits, mit einem kürzlich eingeweihten,
sehr umstrittenen neuen Speichersee, der den Charakter des Berges erheblich
verändert hat und in der Ökologie der Natur Spuren hinterlässt.
Es ist ein bedeutendes Charakteristikum des Anthropozäns, das die Eingriffe des
Menschen in der Natur auf ihn selbst zurückfallen.